Auszüge der Rede von Winfried Stürzl zur Eröffnung der Ausstellung "Horizonte" von Cola da Caparola, Gedok Stuttgart, 22. September 2006 :
 
Unter "Horizont" versteht man gemeinhin die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde den Ort also, an dem sich zwei unterschiedliche Welten begegnen. Der Titel der Ausstellung von Cola da Caparola, die wir heute abend eröffnen, verwendet, den Begriff allerdings im Plural: "Horizonte". Auf den ersten Blick ein Absurdum, denn so meint man, es kann doch immer nur die eine Grenzlinie zwischen Himmel und Erde geben. Oder ist es vielleicht die viel präzisere Beschreibung der Realität? Denn der Horizont ist ja für jeden Menschen in jedem Augenblick ein anderer. Je nach Standpunkt und Blickrichtung verändert er sich.
Wer die Bilder von Cola da Caparola kennt, weiß, dass die "Horizontale" darin grundsätzlich eine wichtige Rolle spielt - Besonders in vielen jüngeren Gemälde von Cola da Caparola ist diese Betonung der Horizontalen zu finden. Blickt man auf etwas frühere Arbeiten, so fällt auf, dass sie auf einem Zusammenspiel aus Horizontalen und Vertikalen basieren. Nicht selten ist der Rahmen quadratisch, und die strenge äußere Form und die Bildkomposition stehen im Gegensatz zu der sehr kräftigen, lebendigen Farbigkeit, die mit Kontrasten spielt und ihre Leuchtkraft insbesondere aus den Schichtungen bezieht. Ebene um Ebene trägt Caparola ihre Farben auf und achtet darauf, dass die untersten Schichten - wie bei einem Palimpsest - immer noch sichtbar bleiben. Auch dies darf man bei ihr durchaus als Metapher auf das Leben verstehen, dessen aktuelles Erscheinungsbild ja auch stets durch noch vorhandene Vergangenheitsschichten geprägt ist.

Ähnlich wie bei den Horizontbildern, ist auch in vielen anderen Gemälden die Linie immer auf besondere Weise behandelt. Sie wird mit Hilfe von Pastellkreiden gehöht und in ihrer Starrheit aufgelöst. Im Auge des Betrachters entstehen "Vibrationen" und Assoziationen an prismatische Brechungen.
 
Die Verwendung von Pastellkreiden steht aber noch einem anderen Zusammenhang. Es ist Pigment in mehr oder weniger trockener Form, während die Farbe sonst ja mit flüssigen Bindemitteln aufgetragen wird. Blickt man genauer auf manche Bilder, so lässt sich auch erkennen, dass es perlenartig strukturierte Partien gibt, bei denen die Farbe wie auf der Leinwand eingetrocknet scheint, ohne ganz ihre flüssige Struktur verloren zu haben. Caparola arbeitet hier mit den Aggregatszuständen. Flüssiges, Gasförmiges und Festes sind ja nur verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Elements, ein und derselben Sache.
 
In ihren beiden Fotoarbeiten "Gelb" und "Verbrannt" wird die Transformation vom Flüssigen ins Feste und damit die Zustandsveränderung ganz besonders eindringlich thematisiert. Bei "Verbrannt" ist es das Feuer, das die Veränderung erwirkt und in die Gegenstände einbrennt, in dem Bild "Gelb" das Austrocknen von Farbe. Im Auge des Betrachters werden durch die Transformation Assoziationen wachgerufen: in der Fotografie "Gelb" etwa eine Art Canyonlandschaft, die von blauen Flüssen durchsetzt zu sein' scheint. Die Zustandsveränderungen dürfen durchaus symbolisch verstanden werden, denn, so die Künstlerin selbst: "Ein neuer Zustand eröffnet auch neue Dimensionen" .

Dies gilt übrigens im gleichen Maße für die Arbeit der Künstlerin.

Denn wer Cola da Caparola ein bisschen kennt, der weiß, dass sie sich früher im Grunde ausschließlich malerisch betätigt hat. In jüngerer Zeit kamen dann zunächst die Fotografie, später auch Objekte und Video hinzu. Stand in ihren Malereien früher die Komposition ganz im Mittelpunkt, so sind die einzelnen Arbeiten nun inhaltlich miteinander vernetzt und die Themen werden über verschiedene Medien transportiert.

Blickt man zusammenfassend auf die Ausstellung, so wird deutlich, was Cola da Caparola in ihren jüngeren Arbeiten interessiert: Es ist die Frage nach dem - um mit Heidegger zu sprechen - Geworfensein in die Welt. Alles nimmt unveränderlich seinen Gang, auch wenn das Individuum Einschnitte erlebt, die doch alles verändert zu haben scheinen. Bei Cola da Caparola sind die Transformationen von einem Aggregatszustand in den anderen nicht nur formalästhetisch zu deuten. Sie werden zu Metaphern für unterschiedliche Zustände des Lebens und des Seins. Eine Begegnung zwischen ihnen kann nur da stattfinden, wo sich diese bei den Zustände durchdringen oder berühren. Im Werk von Cola da Caparola, so meine ich, sind die Horizonte der poetische Ort, an denen eine solche Begegnung möglich wird.
 
Vielen Dank!
© Winfried Stürzl


 
Hina Marquart M. A.:
  
Caparolas Bilder sind offen für Emotionen, Spekulationen, Assoziationen und Interpretationen. Sie sind offen für das Erlebnis der Farbe, der
Form und der Komposition. Sie sind offen für den Dialog mit dem Betrachter. Wir können sie als "offene" Kunstwerke beschreiben; der Begriff stammt aus der Literaturwissenschaft, geprägt und definiert hat ihn der berühmte Schriftsteller und Theoretiker Umberto Ecco Anfang der 60er Jahre.
 
Offene Kunstwerke leben also vom Zusammenspiel zwischen Künstler und Betrachter, von Inspiration und Assoziation, Detail und Vielschichtigkeit. Mit einem offenen Kunstwerk werden Sie kaum je fertig. Immer wieder entdecken Sie etwas Neues: entweder in der ganzheitlichen Wahrnehmung oder in der Interpretation von Details oder eben im Wechsel der Perspektiven. Und immer, wenn Sie meinen, nun sei das Werk wirklich ausgeschöpft, alle Substanz erkannt, alle Inhalte begriffen - dann beginnt das Spiel von vorne: Es offenbaren sich weitere Schichten an ästhetischer Information, es bieten sich neue Metaphern, Assoziationen und andere Deutungsmuster an. Solche Kunstwerke werden deshalb nie langweilig.
 
Das Werk von Cola da Caparola löst einen solchen Anspruch an Kunst ein. Die Farbräume der Malerin animieren das Auge des Betrachters zu gleichsam experimenteller Sichtweise aus unterschiedlichen Perspektiven und auf der Grundlage unterschiedlicher subjektiver Stimmungen und Erlebnisse. Ein buchstäblich vielschichtiger,
differenzierter Farbauftrag, der zunächst flächig bleibt, entfaltet bei intensiverer Betrachtung Dynamik, Tiefe und Spannung.
 
Cola da Caparola nutzt alle Impulse, die sie inspirieren können. Es spielt zunächst keine Rolle, welche Ergebnisse das zeitigt. Mittel zum Zweck ist die Farbe. Die Künstlerin arbeitet mit der Transparenz und Konsistenz der Farben. Sie lässt sie fließen, gerinnen, trocknen, spritzen, leuchten. Sie bringt sie zum verschwinden oder lässt sie durchschimmern. Die Farben und Farbschichten treten in Dialog miteinander; helle mit dunklen, kalte mit warmen, hintergründige mit denen an der Oberfläche. Tiefenwirkung entsteht und löst sich im Flächigen auf, um dann erneut den Eindruck von Tiefe und manchmal auch Räumlichkeit zu erzeugen. Harmonie geht in Spannung über, Dissonanzen lösen sich - nehmen Sie das ruhig wörtlich - in Wohlgefallen auf.
 
Die Farbe in diesen Bildern ist natürlich nicht nur Ausdruck und Instrument reflektierter künstlerischer Absichten und kreativer Strategie, sondern auch von unmittelbar erfahrener Inspiration. Sie haben alle schon einmal von jenen Menschen gehört oder gelesen, die beim Musikhören einem Feuerwerk von Farbeindrücken ausgesetzt sind: Diese Menschen "übersetzen" Töne, Akkorde und Tonfolgen in jeweils ganz subjektive Farberiebnisse. Ähnliches tun Komponisten, wenn sie gewissermaßen umgekehrt ihre Natureriebnisse und ihre Eindrücke von Landschaften in musikalische Kompositionen transformieren.
 
Genauso gut kann man sich eine bildende Künstlerin oder einen bildenden Künstler vorstellen, die bzw. der versucht, persönliche Stimmungen, bedeutsame Ereignisse oder Emotionen in einer einzigen bildnerischen Chiffre, einem ganz spezifischen Farb-Akkord festzuhalten - sei der Impuls oder die "Vorlage" nun eine aufregende Stadt, eine eindrucksvolle Landschaft oder die Begegnung mit einem besonderen Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass der Betrachter diese Chiffren gewissermaßen korrekt dechiffriert, also die Ausgangssituation exakt rekonstruiert: wichtig ist nur, DASS er es tut - und dass er es auf seine Art tut. Genau dazu laden diese Bilder ein. Am Ende dieser Vernissage könnten wir einige hundert Interpretationen zählen - wenn wir sie zählen könnten. Und sie würden sich alle voneinander unterscheiden.